Markus Wimmer

Kleine Geschichte der Freien Akademie für Kunst und Leben e.V.

 

Die übergabe der Fackel: Gründung

1986 passierten für mich einschneidende Dinge. Am 23. Januar verstarb Joseph Beuys. Durch einen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung, der mich sehr berührte, begann ich sein Leben und Werk zu erforschen. Es war, als wäre eine Fackel an mich weitergereicht worden. Am 26. April gab es den ersten Supergau eines Atomkraftwerkes (Tschernobyl). Ein doppelter Vertrauensbruch fand für mich dadurch statt. In mir regte sich Widerstand gegen die Machenschaften unserer Zivilisation. Die ersten Schüttbilder entstanden.

Ich wuchs in einer künstlerischen und spirituellen Atmosphäre auf, in der die Beschäftigung mit Grenzwissenschaften „normal“ waren. In meinem Kunstgeschichtestudium in Salzburg hatten sich erste Freundschaften entwickelt mit Anselm Wagner und Thomas Stadler. Gemeinsam mit Willee Regensburger, der unsere Initiative über die BBK-Nachrichten entdeckte, formiert sich eine Gruppe. Künstler, Kunstgeschichtestudenten, eine Theologe und Kunstfreude aus dem Raum Salzburg, Rupertigau und Chiemgau gründeten einen Verein mit dem Namen „Internationales Seminar für Moderne Kunst und Kunstwissenschaft Wimmerhof e.V.. 

Kreuzung: Erste Aktivitäten

Unsere erste Aktion war das Bildhauersymposion auf dem Wimmerhof am Waginger See im Sommer 1986. Der Titel „Das Kreuz als Universalzeichen und christliches Symbol“ vereinte die Beschäftigung mit dem Kreuz als Symbol - es war das Lebensthema meines Vater Willi Wimmer - mit unserer pantheistischen jugendlichen Weite, die sich für mich in Joseph Beuys spiegelte. Abt Odilo Lechner OSB von St. Bonifaz in München und Andechs war der Schirmherr, der uns auch einen Tag besuchte. Bildhauerische Berater waren Helmut Amman und Konrad Kurz. Wir suchten nach der Energie des Wendepunktes. Unser Tun war mit dem Ort und dessen Landschaft verbunden und unserer eigenen Geschichte des Glaubens und der Kunst. Ein Gesamtkunstwerk von einer ergriffenen Aufbruchstimmung entstand und setzte ein sehr bodenständiges und doch transparentes Zeichen in der Zeit.

Die Propheten kommen

Ein nächstes langjähriges Projekt war die Auseinandersetzung mit Prophetie. Wir pilgerten als wandernde Künstler von Kirche zu Pfarrsaal, von Akademie zu Galerie zwischen Spital und Köln. Verbrauchtes wurde verbrannt (Ruth Kiener-Flamm), das was nicht mehr stimmte, angeprangert (Emil Scheibe) in der Betroffenheitssprache christlich-abendländischer Tradition. Der jetzige Bischof von Würzburg kaufte eine angekohlte Mitra. ProFetisch und ProfeTisch waren die Fortsetzung, welche bereits als Keim in die Zukunft wiesen. Mein Tisch von damals, der in der Kirche in München Giesing ausgestellt war, bildet heute als Tragaltar das Fundament meiner schamanischen Mesa im Seminarraum der Galerie 561.

Landschaft, Spiritualität, Kunst

Neue Ansätze tauchten in einer ganzheitlichen Auseinandersetzung zwischen Landschaft, Ort, Geschichte, Kunst und Richtung auf. So organisierten wir auf der Fraueninsel im Kloster der Benediktinerinnen ein Symposion zum Titel „Heilkunst - Kunstheilung“. Unsere „Ahnfrauen“ waren Hildegard von Bingen, die alten Linden, die Heilkraft, die vom Sarkophag der Seligen Irmengard ausgeht und die Kraft des Chiemsees selbst. Zu den Mitwirkenden gehörte ein Medizinhistoriker, ein Mönch, ein Geomant, Musiker und Künstler. In diesem inspirierten Zusammenwirken verschiedenster Disziplinen spürten wir, wie wir uns selbst erfüllten. In gleichem Geiste fand unser Symposion auf dem keltischen und christlichen Heiligtum des Odilienberges im Elsaß statt. Der Geomant Hans Jörg Müller führte uns zu den alten Kraftplätzen und auf den Pfaden der heiligen Odile. Wir übernachteten in den Keltengräbern, wanderten alleine durch die Wälder und sogen die Geschichte des Ortes förmlich in alle Poren. Ein ergreifendes Erlebnis für uns, das für mich eine anhaltende Liebe zu diesem Ort entfachte und zeigte wie reich die Zeugnisse, die Tradition und die Erinnerungen sind und wie stark das in uns zum Blühen kommen kann, wenn wir uns dafür öffnen.

Ein weiteres Projekt war eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Jugendbildungswerk in Fuchstal. Ausstellungen, Workshops, Begegnungen und eine Klausurtagung ermöglichten uns in wunderschöner Natur und liebevoller Aufnahme als Gruppe weiter zu wachsen. Dies war der erste Abschnitt, der bis in die 90er Jahre andauerte. Ich zog um nach Landshut und arbeitete in der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst in München als Kurator. 

Landshut als neuer Mittelpunkt

Ab 1996 werde ich für vier Jahre Vorsitzender des Kunstvereins Landshut; Wir organisierten eine Kunstprozession, erinnerten an die Arbeit „7000 Eichen für Kassel“ von Joseph Beuys. Mit dem Titel „Wisse die Wege“ kuratierte ich eine Ausstellung zwischen Hauptbahnhof (bezeichnete Beuys als die neuen Mysterienstätten) und der Kirche St. Jodok. Die Städtepartnerschaft LaRoSa zwischen Landshut, Salzburg und Rosenheim ermöglichte es noch einmal die Region unserer gewachsenen Gruppe zu integrieren. Unser größtes Gemeinschaftsprojekt mit mehreren Veranstaltern war „Rosegarden - die Metaphysik verlorener Orte“ (Johannes Veit). Kunst richtete sich als Gegenplazierung an die Gesellschaft, die durch die Intervention im öffentlichen Raum ihre volle Kraft entfaltete. 

Der Akademiebetrieb

Eine Intensive Weiterführung ergab sich, als ich 2002 die Räume für die Galerie 561 anmietete. Neue Impulse und Projekte waren die Freie Kinder und Jugend Kunstakademie und die Sommer- und später die Winterakademie. Der Vereinsname wurde der neuen Situation angepasst: „Freie Akademie Landshut e.V.“ Die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen ermöglichte eine viel grundsätzlichere Arbeit, die Samen der Kreativität gingen in einem fruchtbaren Boden auf, viele Kunstwerke entstanden in Kindergärten, Schulen, Altenheimen. Auch die Akademien ermöglichten das Wachsen der Kreativität für viele 1000 Menschen. Die Galerie entwickelte sich zu einer bedeutenden und wichtigen Insel des Kreativen, der Künste, des kulturellen Miteinander mit einer ganz charakteristischen Strahlkraft.

Kunst und Schamanentum

Ein neuer, aber bereits im Keim der Gründung und in den ersten Aktivitäten angelegter Aspekt drückte sich ab 2006 in schamanischen Aktivitäten aus. Zunächst gab die Galerie Raum für Schamanen aus Sibirien, Peru und der Mongolei. Den Anfang machte Willee Regensburger, der in Korea zum Schamanen initiiert wurde. Aus der Zusammenarbeit mit den Schamanen unterschiedlicher Traditionen entwickelten sich schamanische Feste, die ganz im öffentlichen Leben dieser alten Stadt integriert sind. Angeregt von Edith Schneider gründeten wir eine Trommelstiftung. Gelder und Hilfe wird gesammelt, um Trommeln zu bauen, die dann an Menschen ausgeliehen oder geschenkt werden, die der Unterstützung dieses heiligen und heilenden Instrumentes bedürfen. Herzstück unserer Sammlung ist unsere große Erdtrommel, die die Menschen zusammenruft. 

Der Zusammenhang von Kunst und dieser ältesten spirituellen Tradition der Menschheit kommt hier zu einer ganz besonderen Blüte und Kraft. Die Gruppe richtete sich neu aus, neue Menschen aus dem Bereich von Kunst und Ritualarbeit wirken seither intensiv mit: Barbara Fierz und Martin Stützle aus der Schweiz. Die Ernsthaftigkeit des schamanischen Weges entwickelte eine hingebungsvolle Arbeit in Naturritualen in der Landschaft, an der Isar und neuerdings auch in der Fünfseenlandschaft. 

Tatort soziale Plastik

Ein weiterer wesentlicher Impuls kam durch die Begegnung mit neuen Weggefährten: Marco Graupp und Elisabeth Betz. Die Organisation der „Feste der Kreativen“ in Landau und Landshut und die Märkte und das „Kreativ-Kaffee-Treff“ jeden Donnerstag in der Galerie 561 sind Werkzeuge, Formate und Plattformen die wir gemeinsam entwickeln durften und die die Idee der „Sozialen Plastik“ mit vielfältigen Mitteln und aus individuellen Blickrichtungen be- und erarbeiten, ausdrücken und ins Sein bringen. Um uns räumlich ausdehnen zu können, änderten wir noch einmal den Namen in „Freie Akademie für Kunst und Leben e.V. (2017). Ein Projekt von Marco, welches sich ganz impulsiv in die Zukunft richtet, ist der Friedensaufruf Apfelbäume zu pflanzen.

Jeder Mensch ein Künstler

Die Galerie 561 pulsiert als ein offener und experimenteller Raum, einen wichtigen Nährboden in der Kulturlandschaft darstellend. Wer hier eintaucht, kann seine Potentiale entdecken. Die Gemeinschaft mit ihren sehr unterschiedlichen Menschen hält diesen Raum, gibt ihm Farbe und Form. Hier können Menschen aller Art ihr „wahres“ Zuhause entdecken, ein Gefühl des Angekommenseins, des Zusichkommens. Es ist für uns eine Herausforderung in genau diesen Zeiten einen solchen Raum zu erschaffen, zu beleben, daraus auszustrahlen und immer wieder Begegnungen herbeizuführen, sei es auf der Landshuter Umweltmesse oder an anderen Orten. Wir sind frohen Mutes und neugierig wie sich der Weg fortsetzen wird.

 

März 2018